Vollmond
Vollmond
Unruhig wälzte sie sich im Bett herum. Als sie die Augen aufschlug, wusste sie warum sie diese Nacht schlafen konnte. Der Vollmond schien durch ihr weit geöffnetes Fenster und grinste ihr frech ins Gesicht. Sie konnte noch nie bei Vollmond schlafen, also zog sie sich an und ging hinaus. Sie wohnte ganz allein in einer Blockhütte im Wald. Ihre Freunde hielten sie deshalb für verrückt. Wie konnte eine junge Frau ganz allein im Wald wohnen. Aber sie lächelte jedes mal nur, wenn sie das wieder einmal gefragt wurde. Ihr gefiel es dort zu wohnen. Sie liebte den Wald und all die Tiere, die dort lebten. Es gefiel ihr, dort der Hektik des Alltags zu entfliehen. Sie wurde oft gefragt, ob sie sich denn nicht fürchten würde. Doch wovor sollte sie Angst haben? Sie wusste, dass sie beschützt wurde. Denn dieser Wald war ein besonderer Wald.
So ging sie auch in dieser Nacht aus ihrer Hütte. Sie brauchte keine Lampe, denn der Mondenschein war hell genug. Sie ging tiefer in Wald hinein. Sie hörte das Heulen der Wölfe und sah manchmal ihre funkelnden Augen aus dem Unterholz hervor blitzen. Doch sie hatte keine Angst, denn sie wusste, dass Wölfe scheue Tiere waren und die Menschen nicht angreifen. Außerdem hieß sie ja nicht Rotkäppchen. Sie glaubte schon lange nicht mehr an Märchen, doch das sollte sich in dieser Nacht ändern.
Sie ging immer tiefer in den Wald hinein bis zu ihrem Lieblingsplatz. Es gab dort einen Felsen aus dem eine Quelle entsprang, die in einen See mündete. Sie wollte gerade aus dem Dickicht hervortreten und sich an das Ufer des Sees setzen. Da hörte sie glockenhelles Gekicher und leise Stimmen. Schnell versteckte sie sich hinter einem Baum und beobachtete was an dem See vor sich ging. Sie sah drei zierlich Frauen, die am See herumtanzten. Als sie genauer hinsah, fiel ihr auf, dass es keine gewöhnlichen Frauen waren. Sie hatten schimmernde, fast durchsichtige Flügel.
Sie konnte nicht glauben, was sie da vor sich sah. Es gab sie also wirklich, diese Elfen. Ganz leise ging sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie wollte diese zauberhaften Wesen nicht erschrecken.
Als sie wieder in ihrem Bett lag, fielen ihr die Geschichten ein, die ihre Großmutter ihr erzählt hatte, als sie noch klein war. Sie hielt ihre Großmutter immer für eine gute Märchenerzählerin. Denn die hatte ihr oft von den Waldelfen erzählt und ihr gesagt, dass diese wunderschönen Elfen jeden in diesem Wald beschützen würden. Ganz gleich, ob Mensch, Tier oder Pflanze.
Jetzt wusste sie, warum sie keine Angst hatte und sich in diesem Wald so sicher fühlte. Solange sie hier lebt, wird sie beschützt und nie wird ihr ein Leid wiederfahren.
05.07.11
In der nächsten Vollmondnacht versuchte sie erst gar nicht zu schlafen. Sie war
neugierig ob die Elfen wieder am See tanzen würden und beschloss, wieder zum See zu gehen. Doch in dieser Nacht war es nicht nur der Mond, der ihr den Weg erhellte. Als sie die Türe öffnete, erblickte sie Tausende kleine Glühwürmchen, die sie in den tiefen Wald begleiten wollten. Sie war erleichtert, dass sie nicht alleine war. Sie ging tief in Gedanken versunken, den Waldweg entlang, sie überlegte, ob sie sich den Elfen zeigen sollte. Sie war gespannt was ihr diese zauberhaften Waldbewohner erzählen würden, oder würden sie gar verschwinden, wenn sie bemerkten das ein Mensch sie gesehen hat?
Sie war so gespannt auf die Elfen, dass sie nicht einmal die funkelnden Augen der Wölfe im Unterholz wahrnahm. Aber sie hatte auch nichts zu befürchten, denn die Wölfe beobachteten sie nur.
Endlich war sie am See angelangt. Doch die Elfen waren nicht dort. Tief enttäuscht drehte sie sich um und wollte zurück zu ihrer Hütte gehen.
Nun erst blickte sie die Glühwürmchen genauer an. Was sie dann sah, versetze sie in Erstaunen.
Einige der kleinen Glühwürmchen waren die Elfen. Sie waren es, die sie den ganzen Weg begleitet und beschützt hatten. Deshalb haben die Wölfe sie einfach unbehelligt gehen lassen.
Und dann sah sie auch die anderen Elfen, die wieder anmutig am See tanzten. Eine von ihnen kam auf sie zu. Sie war starr vor Schreck. Doch die Elfe reichte ihr lächelnd die Hand und nahm sie mit zum Seeufer. Auch die anderen Elfen lächelten ihr freundlich zu. Dann tanzten sie alle Hand in Hand am See. Sie hatte das Gefühl als würde sie schweben. Die Seerosen öffneten sich und in ihnen Blüten schlummerten selig winzige Elfenbabies.
Sie kehrte nie wieder zu ihrer Hütte zurück. Denn jetzt gehörte auch sie zu den Waldelfen. Vielleicht hatte sie es gewusst, aber ganz sicher gespürt. Sie war schon immer eine von ihnen. Auch sie war als Elfe geboren , wurde aber als Baby von einem Menschenpaar im Wald gefunden und dann von ihnen aufgezogen. All das erfuhr sie erst jetzt.
Ja es passieren schon wundersame Dinge in einer Vollmondnacht.
Manuela
20.07.11
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